Christiane Brohl
Christiane Brohl (Dr. phil.) ist Kunstpädagogin und seit 2018 Lektorin für Kunstpädagogik an der Universität Bremen. 2023/24 vertrat sie die Professur für Kunstdidaktik an der Universität der Künste Berlin. Sie konzipierte und leitete die Forschungslabore Connected by water (2024) und Re_Connected by water (2025), Re_Connected by water II (Bremen 2026), welche durch das BIP-Erasmus gefördert wurden. Ihre Schwerpunkte sind: künstlerische Forschung, künstlerische Forschungslabore (K.LAB), Grundlagenforschung, Lernen in einer postdigitalen Kultur, Kunstvermittlung in Museen, Hochschuldidaktik, kritisches Kartieren im öffentlichen Raum.
Beitrag
Der Workshop versteht sich als temporäres künstlerisches Forschungslabor, das die kritische Erforschung unsichtbarer sozialer, kultureller und ökologischer (Ge)Schichten im urbanen Raum von Stuttgart erforscht und die entdeckten Einsichten in eine künstlerische Karte transformiert.
Orte haben kulturelle Bedeutungen, welche durch Funktionen und Handlungen entstehen und sich auf den weiteren Gebrauch des Ortes auswirken (vgl. Foucault 1967/1997, S. 262 ff.). Orte zeigen Spuren aus der Vergangenheit, bergen Erinnerungen, erzählen von Erlebnissen und regen aktuelle Handlungen und Imaginationen für Zukünftiges an (vgl. Brohl 2023, S. 96-97). All diese unterschiedlichen Dimensionen eines Ortes liegen wie Schichten eng zusammen, überdecken und verbergen manches, wodurch es oftmals unsichtbar scheint.
Kritisches künstlerisches Kartieren ist eine entdeckende, aufdeckende, fragende Praxis vielfältiger (Ge)Schichten vom Ort. Es zielt darauf ab, noch nicht artikulierte, noch nicht sichtbare Verhältnisse zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen und der Stadt Stuttgart sichtbar und damit politische, soziale, ökologische und kulturelle Machtverhältnisse der Reflexion zugänglich zu machen. Gleichzeitig eröffnet kritisches Kartieren einen Raum für spekulative Imagination: durch spielerische, experimentelle und ästhetisch-forschende Interventionen wird das Unsichtbare ins Sichtbare transformiert – nicht um es zu „erklären“, sondern um neue Beziehungen zum Raum zu erfinden, zu erproben und zu imaginieren.
Künstlerische Forschung nutzt den Stadtraum Stuttgart als kritischen Bezugspunkt, um bislang unerforschte (Ge)Schichten der Stadt zu erkunden. Sie untersucht nicht nur historische und aktuelle Formen des kulturellen Gebrauchs urbaner Räume, sondern auch die darin verankerten Konfliktpotentiale. Gleichzeitig bleibt sie offen für jene noch nicht erkannten Potentiale, die im Unsichtbaren liegen: Möglichkeiten, andere, nachhaltigere, und kreativere Formen des Zusammenlebens und der Raumnutzung zu entwerfen. In diesem Sinne ist künstlerisches Kartieren eine Methode zur Aufdeckung verborgener und verdeckter (Ge)Schichten und zur Transformation kultureller Bedeutungen vom Ort. Dabei wird künstlerisches Kartieren als Praxis des Deep Mapping verstanden – einer Methode, die nicht auf Reduktion, sondern auf die Vermittlung von Vielschichtigkeit, Kontextualität und narrativer Dichte abzielt (vgl. Bloom / Sacramento 2017). In diesem Workshop bilden der Campus und die nahegelegene Umgebung ein exemplarisches künstlerisches Forschungsfeld.
Literatur:
Brohl, C. (2023). Künstlerische Forschung und Nachhaltigkeit: Ein künstlerisches Forschungsprojekt “4 questions about nature”. Cinema & Território, (8), 89–114.
Nöthen, E./Bauer, L. (2022). Kritisches Kartieren als künstlerischer Forschungsmodus. In: Finn Dammann/Boris Michel/, Handbuch Kritisches Kartieren (157-168). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839459584-011
Klaus, L./Germes, M./Guarascio, F. (2022). Emotional Mapping und partizipatives Kartieren – ungehörte Stimmen sichtbar machen. In: Finn Dammann/Boris Michel/, Handbuch Kritisches Kartieren (37-54). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839459584-003
Bloom, B./Sacramento, N. (2017): Deep Mapping, Auburn: Breakdown Break. Down Press.