Aldir Polymeris
Aldir Polymeris [er/ihm/they/them] ist Videokünstler, Performer, Theatermacher und Kunstvermittler. Aldir interessiert sich für Übersetzungsprozesse, die Schaffung gemeinsamer Räume des Austauschs, den kreativen Einsatz digitaler Mittel und die Einbeziehung verschiedener Formen von Wissen und Perspektiven. Gegenwärtig verfolgt Aldir ein Promotionsprojekt im Bereich künstlerischer Forschung, das sich mit Schrift, Sprache und Affekt beschäftigt und autoethnographische Ansätze mit Institutionskritik verbindet.
Beitrag
Im Workshop BACKROUND CHECK wird der Hintergrund bei Videokonferenzen als spezifischer Ort digitaler Raumpraxis verstanden. Ausgangspunkt dabei ist die Beobachtung, dass besagte Hintergründe als indexikalische Zeichen dienen: In ihnen verbinden sich physischer Raum, mediale Rahmung und soziale Selbstrepräsentation. Der Hintergrund zeigt nicht einfach einen Ort, sondern produziert einen lesbaren Bildraum, in dem Sichtbarkeit organisiert, Kontext markiert und Zugehörigkeit mitverhandelt wird. Wie betrachte und verarbeite ich die Zoom-Kacheln der anderen? Wie gestalte/ betone/ verstecke ich meinen physischen Raum zugunsten meines digitalen Auftritts? Wir wollen die Gestaltung des Hintergrunds als eine Form der digitalen Raumpraxis verstehen und im Workshop den überlagerten Bedeutungsebenen von Repräsentation und Ausschluss im selbstgestalteten hybriden Raumerleben nachgehen.
In Anlehnung an Roland Barthes lässt sich der Bildausschnitt als begrenztes Segment verstehen, das einen Teil der Wirklichkeit hervorhebt und anderes ausblendet; genau darin liegt seine ästhetische und politische Wirksamkeit (Barthes 1970, zit. nach Manovich 2001). Der digitale Raum in Videokonferenzen erscheint nicht als immersive Einheit, sondern als überlagerte Situation. Eine Situation, in der physischer Raum, mediale Darstellung und vermeintliche soziale Situierung gleichzeitig wirksam sind (ebd. 2001). Einzelne Bildfenster einer Videokonferenz lassen sich als hypermediale Struktur verstehen: Mehrere Perspektiven koexistieren gleichzeitig, ohne in einem homogenen Raum aufzugehen. Jeder Hintergrund repräsentiert einen eigenen Ausschnitt, aber erst in ihrer Gleichzeitigkeit entsteht ein kollektiver digitaler Raum (Bolter/Grusin 1999). Damit verbindet der Workshop die individuelle Verortung mit einer gemeinsamer Bildpraxis. Der digitale Raum erscheint nicht als neutraler Container, sondern als relationale Anordnung.
Der virtuelle Hintergrund ist dann auch als sozial codierter Raum zu verstehen: Welche Spuren von Alltag und Klasse werden (un)lesbar?
Was bedeutet es, wenn der virtuelle Hintergrund bewusst inszeniert oder nicht beachtet wird? Hier knüpft der Workshop an Ansätze kritischer Kunstvermittlung an, die Vermittlung als Praxis der Analyse, Dekonstruktion und möglichen Transformation institutioneller und visueller Ordnungen verstehen (Mörsch 2009).
Der Workshop zielt entsprechend nicht auf die Vermittlung gesicherten Wissens, sondern auf die gemeinsame Untersuchung eines alltäglichen, aber selten reflektierten Bildphänomens. Methodisch nutzt der Workshop zwei der gängigen digitalen Productivity Tools: Zoom als Videokonferenzdienst und Miro als kollaboratives Whiteboard. Die Teilnehmenden arbeiten aus der Erinnerung an ihren eigenen digitalen Hintergründen – zeichnend und beschreibend, analog und digital, suchend und fragend. Daraus entstehen wird zum einen ein Nachdenken über den digitalen Habitus. Zum anderen werden Möglichkeitsräume für das kollaborative Arbeiten im Digitalen gemeinsam ausgelotet und für die Hochschullehre der Kunstpädagogik produktiv gemacht.
“BACKROUND CHECK: Digitale Raumpraxis als Bildproduktion” versteht den Zoom-Hintergrund somit als künstlerisches und pädagogisches Material: als Ausschnitt, Erinnerungsraum, soziale Oberfläche und kollektives Bildfeld. Zusammen wird untersucht, wie Gemeinschaft im digitalen Raum nicht trotz, sondern gerade durch solche gerahmten und fragmentierten Sichtbarkeiten entsteht.
LITERATUR
Bolter, Jay David / Grusin, Richard (1999): Remediation: Understanding New Media. Cambridge, MA: MIT Press.
Cleland, Kathy (2008): Image Avatars: Self-Other Encounters in a Mediated World. Dissertation zur Erlangung des Grades Doctor of Philosophy, University of
Technology, Sydney.
Liu, Alan (2014): “The Big Bang of Online Reading.” In: Arthur, Paul Longley / Bode, Katherine (Hg.): Advancing Digital Humanities: Research, Methods,
Theories. Basingstoke: Palgrave Macmillan, S. 274–283.
Manovich, Lev (2001): The Language of New Media. Cambridge, MA: MIT Press.
Moore, Christopher (2014): “Screenshots as Virtual Photography: Cybernetics, Remediation, and Affect.” In: Arthur, Paul Longley / Bode, Katherine (Hg.):
Advancing Digital Humanities: Research, Methods, Theories. Basingstoke: Palgrave Macmillan, S. 141–159.
Mörsch, Carmen (2009): Kunstvermittlung II: Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12. Zürich: diaphanes.