SPOT ON: #Raumpraxis

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Carolin Dreinemann

Carolin Dreinemann ist seit 2024 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstpädagogik und -didaktik der Universität Potsdam und seit 2025 Knowledge Brokerin für das Fach Kunst im Kompetenzverbund lernen:digital (BMBFSFJ). Mit einem Hintergrund u.a. in (Innen-)Architektur, Philosophie, Germanistik und Kunst forscht sie an der interdisziplinären Schnittstelle von Mensch und Raum, insb. dem gebauten Raum. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf Baukultureller Bildung aus kunstpädagogischer Perspektive.


Beitrag

08.10
15:50
90min
Hands on – Minds on – Futures on. Ein Kartenspiel zur spekulativen Aushandlung urbaner Zukunftsräume
Niklas Washausen, Carolin Dreinemann, Katharina Brönnecke

Der spekulative Workshop lädt Teilnehmende ein, urbane Gemeinschaft im kollaborativen Spielen unmittelbar zu erfahren. Das analoge Spiel verbindet „Hands on“ (spielerische Handlung, Aushandlung, Perspektivwechsel) mit „Minds on“ (strukturierte Reflexion und Transfer), wobei es durch „Futures on“ den Raum eröffnet, Utopien einer gerechten Stadtkultur kollaborativ zu verhandeln. In Rollen menschlicher und nichtmenschlicher Akteur*innen verhandeln sie Nutzungskonflikte, Atmosphären und Zukunftsfragen urbaner Soziotope. Dabei erleben sie, wie affektive Irritation, Rollenübernahme und kollektives Mapping nachhaltige Lernprozesse initiieren können. In der anschließenden Reflexionsphase wird gemeinsam erarbeitet, wie das Format in unterschiedlichen Fachkulturen – von Lehrkräftebildung über Nachhaltigkeit bis zu sozial- und kulturwissenschaftlichen Kontexten – adaptiert werden kann. Der Workshop bietet einen erprobten, niedrigschwelligen Zugang zu kollaborativen Handlungspraxen.

Der Workshop stellt die dritte und spielerisch-angewandte Stufe der Weiterentwicklung einer universitätsübergreifenden Projektreihe vor, in der ästhetische Forschung, Artistic Research und spekulative Methoden im Sinne einer machtkritischen, ökologisch-sensiblen Kunstpädagogik miteinander verschränkt werden. Ausgehend von den Vorgängerprojekten Urban Dreaming (Brönnecke & Washausen 2025) und In-Specology (Brönnecke, Dreinemann & Washausen 2025), in denen urbane Räume und schulische Soziotope mit Studierenden und Schüler_innen künstlerisch-ästhetisch untersucht wurden, wird ein analoges Kartenspiel erprobt, das teilnehmende Gruppen in ein kooperatives Rollen- und Aushandlungssetting versetzt. Die Teilnehmenden begegnen dem urbanen Soziotop als einem von menschlichen und nichtmenschlichen Akteurinnen geprägten Gefüge, dessen Atmosphären im Sinne affektiv-reflexiver Erkenntnisräume (Böhme 2022) erfasst und verhandelt werden. Das Kartenspiel fungiert als strukturierendes Medium, das Perspektivwechsel initiiert und speziesübergreifende Bedürfnisse, Handlungsspielräume und Konfliktlinien sichtbar macht. Durch die Übernahme verschiedener Rollen – etwa Menschengruppen und urbane Tierpopulationen wie Stadttauben – werden Fragen der Koexistenz, der Belastungen des Anthropozäns und der Bedingungen eines zukunftsfähigen Zusammenlebens gemeinschaftlich untersucht.

Die Handlungsmechanismen orientieren sich an künstlerisch-forschenden Zugängen wie Displacement (Brohl 2003, 2008), Feldforschung (Brenne 2008), Raumspielen und Mapping- Verfahren (Busse 2021) sowie auditiven Dokumentationsformen (Rogg 2019). Diese Methoden erzeugen ästhetische Erfahrungsräume, in denen Atmosphären, Spuren und Narrative des Soziotops lesbar werden und zu Aushandlungsprozessen anregen. Im Zentrum steht die Frage, wie künstlerisches Denken als situatives, verkörpertes und reflexives Wissen Gemeinschaftlichkeit prägt und welche Rolle es in der Ausbildung künftiger Lehrkräfte angesichts gesellschaftlicher Unsicherheiten einnehmen kann. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit den mehr-als-menschlichen Dimensionen urbaner Soziotope führt zu Diskussionen darüber, wie künstlerische Lehr-Lernpraktiken auf Phänomene wachsender Ungleichheit, Polarisierung und Fragmentierung reagieren, bspw. durch Counter Mapping (Busse 2021) oder etwa Gegen-Fragmentierung im Sinne des Urban-Glitch (Mitrović/Voigt 2025), und welche Formen ästhetisch-forschender Praxis unter diesen Bedingungen tragfähig bleiben. Zugleich wird erprobt, wie sich kulturpädagogische Handlungsweisen weiterentwickeln können, um zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Die in der Anwendung des Kartenspiels induzierten Aushandlungsprozesse eröffnen transkulturelle (Resonanz-)Räume (Brönnecke 2024, Rosa 2020), in denen Perspektivenvielfalt sichtbar wird und Vorstellungen gemeinschaftlicher Verantwortung, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Relationalität verhandelt werden.

Literatur
Böhme, Gernot (2022): Atmosphäre – Essays zur neuen Ästhetik. 5. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Brönnecke, Katharina/ Washausen, Niklas (2026): Dream Machine. Urbanität und intersektionale Gemeinschaftlichkeit spekulativ explorieren. In: Wiesche,
David/ Przybylka, Nicola/ Brönnecke, Katharina/ Malmberg, Isolde/ Zender, Raphael (Hrsg.): XR im Sport-, Musik- und Kunstunterricht. MedienPädagogik:
Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 68 (XR Fachdidaktik). S. 75-92. https://doi.org/10.21240/mpaed/68/2026.01.23.X.
Brönnecke, Katharina/ Dreinemann, Carolin/ Washausen, Niklas (2025): In-Specology, von Tatorten und Tatendrang – Künstlerische Forschung zukünftiger Stadträume. In: Vision & Re-Vision. Nachhaltigkeit als Fokus künstlerischer Forschung im Kontext von Kunstpädagogik. Book of Abstracts. S. 23-26. https://www.uni-bremen.de/fileadmin/user_upload/fachbereiche/fb9/kunstwissfilmkunstpaeda/Dateien/Tagung_Vision_Re-Vision/Book_of_Abstracts_Vision_Re-Vision_aktualisiert_15.09.2025.pdf
Brönnecke, Katharina (2024): About Culture – Die Aufdeckung identitätsbildender Narrative durch künstlerisch-kommunikatives Handeln in transkulturellen
Lebenswelten. Schriftenreihe Kunst Medien Bildung Band 18. München: kopaed.
Brohl, Christiane (2008): Displacement als ortsbezogene künstlerische Forschungspraxis. In: Brenne, Andreas (Hg.): „Zarte Empirie“: Theorie und
Praxis einer künstlerisch-ästhetischen Forschung. Kassel, kassel university press, S. 34-51.
Brohl, Christiane (2003): Displacement als kunstpädagogische Strategie: Vorschlag einer heterotopie- und kontextbezogenen ästhetischen Diskurspraxis des
Lehrens und Lernens. Hamburg, Brohl.
Busse, Klaus-Peter (2021): RAUMSPIELE. Mapping Revisited. https://klauspeterbusse.de/onewebmedia/RS_MATRIX_1.1.pdf
Mitrović/Voigt (2025): Glitch(ing)! A refusal and gateway to more caring techno-urban worlds?, Digital Geography and Society, Vol. 8. https://doi.org/10.1016/j.diggeo.2025.100115
Rogg, Ursula (2019): Das Feld betreten heißt das Feld verändern. Audiodokumentation als Prozessbegleitung und künstlerische Bildungsforschung. München: kopaed.
Rosa, Hartmut (2024): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: suhrkamp.

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