SPOT ON: #Raumpraxis

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Raumwahrnehmungskonstruktionen
08.10.2026 , FLAG Pavillon
Sprache: Deutsch

Was, wenn es nicht nur drei räumliche Dimensionen gibt? Was, wenn wir Innen und Außen zugleich sehen könnten? Was, wenn Raum plötzlich neu imaginiertbar wird? Die Vorstellung einer vierten räumlichen Dimension inspirierte Romane wie Flächenland (Edwin A. Abbott) oder Der Berg Analog (René Daumal) sowie bildende Künstler:innen wie Salvador Dalí bis zu Tony Robbins und wirkte gar auf Stilrichtungen wie den Kubismus und Futurismus ein (vgl. Henderson, 1983). Durch das Konstrukt einer vierten Dimension, das auch in der Quantenphysik genutzt wird, wird die Erweiterung der Darstellung über die menschlich visuell wahrnehmbare Umwelt hinaus angeregt – etwa die Multiperspektivität oder die Umstülpung von Innerem und Äußerem. N-dimensionale Theorien spornten Künstler:innen an, technologische Entwicklungen, mathematische Berechnungen sowie philosophische Denkräume (vgl. Volkert 2018, S. 183 ff.) weiterzuentwickeln und ungreifbaren, erweiterten Welten nachzuspüren (Henderson 1984, S. 205). Zusammenhänge mit bildgebenden Technologien bestehen etwa in den Röntgen-Strahlungen, wobei schlagartig räumlich versteckte visuelle Informationen optisch verfügbar wurden (vgl. Henderson, 1983, S. 39).
Das Nachdenken über weitere räumlich-geometrische Dimensionen lädt somit auch ein zum Reflektieren, wie bildgebende Technologien und mediale Interfaces der Raumerschließung die menschliche Wahrnehmung erweitern, gestalten und transformieren. Einige Werke rund um das Thema der N-Dimensionalität sowie Bezüge zu virtuellen und digitalen Raumkonzepten wie dem Metaversum dienen im Workshop aus Ausgangspunkt, um spielerisch und experimentell eigene Raumwahrnehmungskonstruktionen zu gestalten. Dabei werden Spiegel, Transparentfolien, Draht und Metallobjekte oder Linsen genutzt sowie die eigenen Digitalgeräte verbaut. Dabei gehen wir vor nach dem Prinzip DIY und Low Tech – Konstrukte wie Helme oder Kopfaufsätze werden simpel gestaltet und hinterfragen dabei doch die Formbarkeit von Raum durch visuelle Medien. So entstehen überraschende, spielerische, humorvolle, vielleicht gar nutzlose oder kritische Prototypen, die gängige, v.a. digitale und technologisch gestützte Wahrnehmungen hinterfragen und Raumerfahrung künstlerisch gestaltend verhandeln. Dazu können etwa Videos, AR-Ansichten oder Filter eingesetzt werden – hierbei dienen auch nicht-menschliche Raumwahrnehmungen als Inspiration, etwa das Scheitel- oder Facettenauge.
Dies leitet über zu dem Thema, wie in der Lehre sowie in pädagogischen Zusammenhängen die vermeintlich feststehende Kategorie Raum als Material künstlerisch unter neuen Sichtweisen vermittelt und beforscht werden kann. Daran lassen sich auch posthumanistische Fragen anschließen nach dem menschlichen Drang der Selbstoptimisierung, der Immersion, dem Ausgeliefertsein an Netzwerkmächten im Digitalkapitalismus sowie einem Perspektivwechsel zu nichtmenschlichen Wahrnehmungsräumen und Lebensformen. Am Ende des Workshops werden die entstandenen Raumwahrnehmungskonstruktionen präsentiert, gegenseitig ausprobiert und mit einem kleinen experimentellen Rundgang durch den Campus verbunden, um die dabei veränderte Raumwahrnehmung körperlich erfahrbar zu machen.

Literatur:
Henderson, Linda Dalrymple (1983): The fourth dimension and non-Euclidean geometry in modern art. Linda
Dalrymple Henderson. Princeton, N.J.: Princeton University Press.
Henderson, Linda Dalrymple (1984): The Fourth Dimension and Non-Euclidean Geometry in Modern Art:
Conclusion. In: Leonardo 17 (3), S. 205. DOI: 10.2307/1575193.
Volkert, Klaus (2018): In höheren Räumen. Der Weg der Geometrie in die vierte Dimension. Berlin, Heidelberg:
Springer Spektrum (Mathematik im Kontext).

Dr. Anja Gebauer Negri arbeitet als Wissenschaftlerin, Kunstvermittlerin und Künstlerin. Sie beschäftigt sie sich mit Digitalkultur, Partizipation und kritischer Bildungsarbeit. Sie lehrte und forschte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo sie ihre Promotion 2021 abschloss. Anschließend arbeitete sie an der Hamburger Kunsthalle und leitete die Abteilung Kunstvermittlung am Museum der Moderne Salzburg. 2025-26 forschte sie als DAAD- Stipendiatin in Singapur am LASALLE College of the Arts in Singapur am PostDoc-Projekt Magic Medium.