SPOT ON: #Raumpraxis

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Ein Kunstpavillon als Möglichkeitsraum: Reflexionen einer ästhetisch-transformativen Praxis
09.10.2026 , KWR Pavillon
Sprache: Deutsch

Der Beitrag untersucht am Beispiel eines schulischen Projektes, inwiefern ästhetische Prozesse als transformatorische Praktiken wirksam werden können (vgl. Diez/ Schaffhausen 2024). Konkret geht es um die sozialräumliche Intervention von Jugendlichen im Sinne des Placemakings (Page 2020; Courage 2019), die durch die kollaborative Konzeption und Realisierung eines Kunstpavillons auf dem Schulgelände einer Gesamtschule unter dem Motto „Mehr Platz für uns“ erzielt wird.
Ausgehend von der Problemstellung, dass öffentliche Aufenthaltsräume für Kinder und Jugendliche fehlen, entstand 2024 die Idee eines Pavillons im Sinne eines Möglichkeitsraumes. Im Pavillon soll gestaltet, präsentiert, entspannt und gespielt werden können, sodass er für verschiedene Altersgruppen und Funktionszusammenhänge einen gewinnbringenden Ort darstellt. Neben den aufgezählten Nutzungsmöglichkeiten als Möglichkeitsraum verweist er heute als Bauwerk symbolisch auf den transformativen Prozess, in dem Jugendliche unter Begleitung von Erwachsenen Verantwortung für ihren Lebensraum übernehmen.
Gewissermaßen steht der Pavillon dabei auch als Gegenentwurf zum Ist-Zustand von kommunaler Politik, die die Perspektive von Kindern und Jugendlichen oftmals außen vor lässt (vgl. DIJ 2026).
Methodisch folgt die Untersuchung einer praxeologischen Perspektive im Modus der Aktionsforschung (Altrichter 2018). Der Entwurfs- und Bauprozess wird relationalen Raumvorstellungen folgend als kollaborative Raumpraxis analysiert, in der sich zwischen Beteiligung und institutionellen Vorgaben, wie u.a. Bauvorschriften, Sicherheitsauflagen, externer Expertise, sowohl emanzipatorische als auch exkludierende Dynamiken zeigen. Grundlage für eine (macht)kritische Reflexion sind empirische Daten aus einer teilnehmenden Beobachtung von mir als forschendem Praktiker in Kombination mit qualitativen Interviews der teilnehmenden Schüler*innen.
Besonderes Augenmerk liegt neben der sozialräumlichen Intervention auch auf der Transformation des Lernraumes im Sinne des Lehr-Lern-Verhältnisses: Indem sich Wissen situativ verteilt, finden Rollenverschiebungen statt. Anknüpfend an SESINK (2014) wird Lernraum selbst wird zum Möglichkeitsraum. In der gemeinsamen Arbeit in, am und mit Raum werden demokratische Aushandlungsprozesse praktisch erfahrbar und als Bestandteil ästhetischer Bildung wirksam.

Literatur
Altrichter, Herbert/ Posch, Peter/ Spann, Harald (2018): Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht. 5. Auflage. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Courage, Cara/ McKeown, Anita (2019): Creative Placemaking. Research, Theory and Practice. New York: Routledge.
Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI) (2026): DJI Impulse. 1/26. https://www.dji.de/veroeffentlichungen/forschungsmagazin-dji-impulse.html.
Diez, Georg, & Schaffhausen, Nicolas (2024): Spekulative Zukünfte. In: Dies. (Hg.): Speculations on Speculative Futures. München: Hirmer, S. 14-31.
Krebber, Gesa (2020): Kollaboration in der Kunstpädagogik. München: Kopaed.
Oelkers, Jürgen (2011): Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim/ Basel: Beltz.
Page, Tara (2020): Placemaking. A New Materialist Theory of Pedagogy. Edinburgh: Edinburgh University Press.
Sesink, Werner (2014): Überlegungen zur Pädagogik als einräumenden Praxis. In: Rummler, Klaus (Hrsg.): Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken.
Zürich: Waxmann, S. 29-43.
Schneekloth, Lynda H. / Shibley, Robert G. (2005): Placemaking: A democratic Project. In: Studies in Contemporary Culture vol. 5, no. 3, 2005, S. 1–18.
https://digitalcommons.odu.edu/reconstruction/vol5/iss3/11
Winkler, Antje/ Brenne, Andreas (2026): „Sharing is Caring“ – Perspektiven und Praktiken einer diskriminierungs- und machtkritischen Kunstpädagogik. Bielefeld: transcript.

Lenny Liebig (M.Ed.) ist Studienrat für die Fächer Deutsch und Kunst an der Janusz Korczak-Gesamtschule Gütersloh und Doktorand an der Kunstakademie Münster. Er untersucht Rauminterventionen als ästhetisch-transformative Praxis im kunstpädagogischen Feld. 2024 wurde er mit dem deutschen Lehrkräftepreis ausgezeichnet. Er veröffentlichte in „BDK Mitteilungen“ (2021,2024) und im Tagungsband „Stabiles Zittern. Transformative Praktiken in Art Education“ (2026). Von 2015-2021 war er Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung.