Guida Miranda
Guida Miranda (*1992, Lissabon) lebt in München und arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und
Kunstpädagogik. Sie studierte Freie Malerei in Lissabon und Freie Kunst an der Akademie der
Bildenden Künste München und absolviert ein Masterstudium in Erziehungswissenschaften. Seit
2020 arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen in schulischen und musealen Kontexten und ist seit
2025 künstlerische Mitarbeiterin bei Der Fahrende Raum sowie Begleiterin im Fahrradkino-Projekt
Ciné Veló Cité.
Beitrag
Der Verein Kultur & Spielraum bietet kulturelle und politische Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche in verschiedenen Stadtteilen Münchens an. Sein Ansatz geht auf das Jahr 1968 zurück, als die Gruppe KEKS (Kunst, Bildung, Kybernetik, Soziologie) den städtischen Raum als Ort des Lernens und Spielens untersuchte, wobei der Prozess des gemeinsamen Schaffens mit offenem Ergebnis als zentrale Elemente einer künstlerischen Pädagogik im Vordergrund standen.
Dieser Beitrag konzentriert sich auf eine praktische Reflexion der impliziten Ergebnisse eines der Projekte dieses Vereins, Der Fahrende Raum. Seit zehn Jahren in regelmäßig wechselnden öffentlichen Parks Münchens aktiv, ist dieser Raum für künstlerisches Handeln und Transformation in vielfältige soziokulturelle Kontexte eingebettet. Ortsspezifische Bezüge der Peripherie Münchens bestimmen seine Situiertheit. Ein Treffpunkt, Atelier, Archiv, Bühne – ein Raum, der offen ist für Erkundung und Selbstausdruck an der Seite lokaler oder internationaler Künstlerinnen (Meunier, 2020) und den künstlerischen Ausdruck als freie Form sozialer Interaktion einbezieht.
Diese Aktionsräume bringen Prozesse der Mitgestaltung und Selbstorganisation im öffentlichen Raum hervor: Das Sammeln, Teilen und die entsprechende Verbreitung dieser Erfahrungen durch Präsentationen und Publikationen sind zugleich politische und pädagogische Strategien, das heißt, sie lösen Reaktionen aus, die wiederum neue Aktionen hervorbringen (Burkhalter, 2018). So können beispielsweise Kinder selbst zu Reporterinnen oder Journalistinnen ihres Stadtviertels werden, wie schon damals von der Gruppe KEKS als Praxis erprobt und als „Didaktik der Wirklichkeitsaneignung“ bezeichnet (Grüneisl, 2017).
Indem wir über diese Dialektik des Raums nachdenken, wollen wir seine territorialen Grenzen und transformativen Verbindungen erkunden: ein temporäres soziales Territorium durch Sozialisierung, Zuhören, Diskussion und den Aufbau von Beziehungen, wodurch Vertrauen gefördert wird und Kommunikationslücken geschlossen werden (Köhler, 2024). Während sich der Raum zum Ende jedes Sommers auflöst, bleiben physische Spuren auf dem Boden zurück: Temporäre Markierungen im Gras zeugen von den Ereignissen, die dort stattfanden, wobei sie die physische und soziale Landschaft in einem passiven Akt der Reflexion verändern. Der Austausch von Wissen und Erfahrung zwischen eingeladenen und ansässigen Künstlerinnen – sei es vor Ort oder in Publikationen – nährt und prägt künstlerische Praktiken und soziale Gewohnheiten neu.
So umreißt diese vorübergehende Besetzung des Raums ein potenzielles Handlungsfeld für kulturelle Vermittlung, soziale Interaktion, gemeinschaftliches Wiedersehen und künstlerische Transformation. Dieser Raum agiert diversitätssensibel und öffnet sich Fragen der Inklusion und lädt dazu im besonderen Positionen ein, die sich Ästhetiken des Zugangs widmen. In seiner Genese reicht die räumliche Form dabei von der Zwischennutzung eines Einkaufszentrums in Kombination mit einer mobilen Wageneinheit über eine zeltartige Architektur zu einer mobilen Bühne in Kombination mit einer industriellen Struktur aus Gerüst und Containern.
Im Sommer- und Wintersemester 2026/27 werden die Fragestellungen für Studierende der Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste München beforschbar. Diese bieten im Rahmen einer Sommer School Programm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Garten der Kunstakademie an und leiten daraus im Winter theoretische Fragen ab. Dabei spielt für die Studierenden die überregionale Recherche historischer Kontexte von Aktionspädagogik eine ebenso große Rolle wie die Verhandlung der eigenen künstlerischen Position.
Literatur:
BURKHALTER, G. (2018). „KEKS (Kunst Erziehung Kybernetik Soziologie)“ in: The Playground Project, Zürich: JRP Editions SA
GRÜNEISL, G. (2017). „Der Aktionsraum - Vermittler zwischen Kunst und Pädagogik“, in: Der Fahrende Raum – Flugschrift Nr. 2 - Aktionsräume, Kultur und Spielraum e.V. (Hg.) München
KÖHLER, S. (2024). „Spur“, in: Der Fahrende Raum – Flugschrift Nr. 9, Kultur und Spielraum e.V. (Hg.), München
MEUNIER, K. (2020). “Der Fahrende Raum und Die Vierte Wand der dritten Pädagogin”, in: Ich singe nicht für Bilder schöne Lieder, Neuer Essener Kunstverein e.V., Kunstverein München e.V.