SPOT ON: #Raumpraxis

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Bildungsräume zwischen Materialität und Performativität
09.10.2026 , KWR Pavillon
Sprache: Deutsch

Die räumlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen des Lernens beruhen auf gesellschaftlichen, politischen, lebensweltlichen und historischen Tatsachen. Doch Wissensproduktion und Lernen sind weit mehr als Raumbeziehungen – sie bestehen in sozialräumlichen und humangeographischen Zusammenhängen auf der Makro- wie auch auf der Mikroebene - im Lokalen, wie im Globalen. Die zugrunde liegenden Infrastrukturen bleiben jedoch die meiste Zeit unsichtbar. Viele pädagogische Ansätze setzen einen Fokus auf den Raum als "dritten Erzieher" (Loris Malaguzzi), auf vorbereitete Lernumgebungen (radikalkonstruktivistische Bildung) oder veränderte, bewusst gestaltete Lernräume (Maria Montessori, Waldorfpädagogik, Grünes Klassenzimmer usw.). In dieser Hinsicht gilt es für eine Untersuchung der Subjektivierungsweisen und den sozialen Konstellierungen, die Räume des Lehrens und Lernens hervorbringen, die Gesamtheit der Raumverhältnisse und Raumproduktionen in den Blick zu nehmen. Vor diesem Hintergrund fragen wir, wie wir die Räume, in denen wir lehren, lernen und forschen beschreiben können? Wie konstituiert sich dieses “wir” als Lehrende, Lernende und Forschende im performativen, materialen und medialen Sinne?
Spätestens seit dem spatial turn zeigt sich ein Verzicht auf eine solitäre und kontextübergreifende Raumdefinition, welche letztendlich ordnungskontingente und relationale Raumverständnisse in ihren polyvalenten Sinne ermöglicht. Räumlichkeiten lassen sich allerdings weder durch einen einzelnen Ansatz ergründen, noch auf ein einzelnes Konzept zurückführen.1 Im Sinne einer performativen Logik können Räume in Anlehnung an Bernhard Waldenfels als ein Raum-im-Werden verstanden werden. Der Moment der Hervorbringung von Räumen lässt sich als Schwellenphase (Arnold van Gennep) in den Blick nehmen, die den Übergang von einer “sozialen Situation zu anderen” beschreibt.2 In diesem transitorischen Feld eines Spielraums der Möglichkeiten (Benjamin Wihstutz) richtet sich ein Raum-im-Werden nach einem Möglichkeitssinn, dessen Hier und Jetzt „immer schon mit anderen Orten und Räumen […], mit fiktiven Identitäten und Ereignissen, die aufs engste mit der Realität verwoben sind, verbunden ist.”3 Ein Raum-im-Werden lässt sich dahingehend auch als ein Sozialraum im Sinne eines „relational arrangement of social goods and people“ (Martina Löw) verstehen, der allererst durch Handlungen, Bewegungen und Interaktionen von Menschen entsteht.4 Schon 1974 beschreibt Henri Lefèbvre die Relation von physischem und sozialem Raum als “distributionelle Anordnung von Akteuren und Eigenschaften.”5 Das Ganze einer Raumvorstellung und einer raumbezogenen Wahrnehmung hat symbolische, sinnlich wahrnehmbare physische und gesellschaftliche Vorbedingungen.6

In unserem Beitrag nähern wir uns Räumlichkeiten im medialen Sinne als narrativ-essayistische Räume (Krauß) und filmisch-performative Räume (Kargin-Zahn). Unter dieser Perspektive fragen wir jeweils, wie Bildungsräume entstehen können und in der Verschränkung von Lehren, Lernen und Forschen durch ihren performativen Charakter als subjektivierend fungieren. Aus dieser Betrachtung können abschließend folgenreiche Konsequenzen für Lehr-Lernverständnisse im Kontext des Räumlichen abgeleitet werden.

Literatur
1 Günzel, Stephan (2020): Raum. eine kulturwissenschaftliche Einführung, Bielefeld: Transcript Verlag, S.25.
2 Van Gennep, Arnold (1981): Räumliche Übergänge. in: Ders. (1981): Übergangsriten (Les rites de passage),
Frankfurt am Main: Campus Verlag, S.25-28.
3 Wihstutz, Benjamin (2015): Unbekannte Räume, Grenzen und Schwellen: zur Topologie experimenteller
Theaterformen, in: Schafaff, Jörn; Wihstutz, Benjamin (Hg.) (2015): Sowohl als auch dazwischen. Erfahrungsräume
der Kunst, S. 160-164.
4 Löw, Martina (2018): The Sociology of Space. Materiality, Social structures, and Action, New York: Palgrave
Macmillan, S.140.
5 Bourdieu, Pierre (1991): Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum, in: Wentz, Martin (Hrsg.) (1991):
Stadt-Räume, Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 26.
6 Simmel, Georg (1903): Soziologie des Raums, Leipzig: Duncker & Humblot, S. 463f.

Fatma Kargin-Zahn verwaltet seit Oktober 2025 die Professur Kunst und ihre Didaktik an der Leuphana Universität, wo sie zuvor als Dozentin und Fachkoordinatorin tätig war. Von 2020 bis 2024 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW tätig und hatte diverse Lehraufträge in Deutschland und in der Schweiz. Ihre Doktorarbeit mit dem Titel »Rollenbildung. Zu responsiv-performativen Dimensionen der Erfahrung künstlerischer Installationen« ist im Februar 2026 im transcript Verlag erschienen.

Lennart Krauß ist akademischer Mitarbeiter im Fachbereich Fachdidaktik Kunst und Bildungswissenschaften an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Er forscht zu essayistischen Bildungsräumen und beschäftigt sich im Rahmen seiner Lehre mit den Hintergründen von Diskriminierung und den Potentialen der Kunstpädagogik.